Monumentalwerk mit Reibfläche
Beeindruckende Johannes-Passion an der Auferstehungskirche am 29. März 2025
Altistin Nicole Piper und Sopranistin Fanie Antelou rahmten mit ihren Arien zu Beginn des ersten Teils und zur Kreuzigungsszene vor dem Schluss den Abend ein. Die tragende Säule des Abends war jedoch der Berliner Tenor und Oratorien-Spezialist Christian Georg, dem mit den Rezitativ-Parts zufielen. Seine klare Diktion, Akkuratesse und schiere Ausdauer sorgten dafür, dass das Publikum den Inhalten leicht folgen konnte und in dem Monumentalwerk die Orientierung behielt. Belohnt für seinen Einsatz wurde Christian Georg mit Bravour-Arien wie „Ach mein Sinn“ nach der Verleugnung Jesu durch Petrus, einem der emotional aufgeladenen Momente des ersten Teils.
Massenpsychologie mit verstörenden Anklängen
Mit psychologischer Finesse hat Bach die folgenden Gerichtsszenen aufbereitet: Schon das Verhör vor den Hohepriestern ließ die Verwirrung und das Durcheinander der Szene wirken, unterstützt durch den überraschenden Solo-Auftritt von Christian Heuermann aus dem Chor als weiterer Stimme, die auf den Angeklagten einwirkt. Mit dem Einmischen des Chors in Verhör und Verurteilung durch Pilatus wurde dies noch verstärkt.
Irgendwo zwischen zynisch und auf einsamen Posten verzweifelnd diskutierte Pilatus, bravourös und stimmgewaltig von Dirk Schmidt gesungen, mit den Hohepriestern und dem Volk. Immer wieder verstören dabei antijudaistische Anklänge: Die aufgeheizte Volksmenge, die nach der Kreuzigung schreit, kann in der heutigen Zeit auch als Warnung vor Verführbarkeit und Populismus gelesen werden. Doch andere Stellen sind offensichtlicher in ihrer Problematik. „Wir haben ein Gesetz“, lässt Bach die Hohepriester als Rechtfertigung ihres Urteils singen, viel klarer als die anderen Turba-Chöre. Es scheint, dass Bach hier sicherstellen wollte, dass die mitgedachte Verhöhnung des jüdischen Glaubens als Religion des Gesetzes auch verstanden wird. Solche Stellen haben der Johannes-Passion ein schwieriges Erbe mitgegeben, mit dem sich in Bad Oeynhausen bereits in einem vorbereitenden öffentlichen Diskussionsabend auseinandergesetzt wurde.
Evangelisches Lehrstück mit emotionaler Aufladung
Kein Applaus: Das hatte sich die Kantorei entsprechend der Aufführungspraxis für Passionsmusiken gewünscht, und so endete der Abend mit einem beeindruckenden Schauspiel: József Opicz hielt nach dem letzten Ton lange unbewegt inne, während sich hinter ihm das Publikum erhob und still für den gelungenen Abend bedankte. Ermöglicht wurde die Aufführung mit der Unterstützung durch steute Technologies GmbH, die Stiftung der Volksbank Bad Oeynhausen-Herford und den Freundeskreis Kirchenmusik an der Auferstehungskirche.